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Dieser Text wurde von den Vorjuroren für den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2009 vorgeschlagen.
Evelyn Roll
Es ist schwer, Gedanken zu beschreiben, wenn diese Gedanken, genau besehen, Gefühle sind, Respekt, Hochachtung, Bewunderung. Und Rührung, das auch. Es ist kurz vor zwölf. Helmut Schmidt geht von seinem Büro am anderen Ende dieses endlos langen Ganges im sechsten Stock des Hamburger Pressehauses zum Kleinen Konferenzsaal. Wie immer freitags um diese Zeit, seit 25 Jahren. Wie immer pünktlich. Er ist kleiner geworden, das kann man schon von Weitem sehen. Wie langsam er geht, beschwerlich, ganz auf sich konzentriert, mit der linken Hand auf seinen Stock gestützt. In der Rechten hält er eine gelbe Rose.
Gefühle mag er nicht. Geburtstags-Tamtam schon gar nicht. Persönliches ist ihm peinlich. Wenn man ihn in seinem Büro am anderen Ende des Ganges besucht und das Aufnahmegerät einschaltet, kann er jederzeit eine kleine Frage zur Situation der Weltfinanzen 20 Minuten und drei Zigaretten lang am Stück in druckreifen Sätzen beantworten. Und selbstverständlich baut er elegant ein, warum er schon vor langer Zeit "Raubtierkapitalismus" geschrieben hat und "Kontrolliert die Großspekulanten!", während alle anderen noch geschlafen haben.
Wenn man ihn aber nach sich selber fragt, nach Geburtstagsgefühlen, Befindlichkeiten eines Neunzigjährigen, nach letzten und vorletzten Dingen, wird es schwierig. Und hanseatisch knapp. Dann gibt es diese Schmidt'schen Einwortsätze.
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