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26.07.16

Autoren-Interview

Christoph Scheuring „Wir Journalisten sind zynisch

Seine erste Reportage hat Christoph Scheuring, damals noch Fernfahrer, im "stern" veröffentlicht. Über das LKW-Fahren. Klar war er mächtig stolz. Doch dann schlug er das Heft auf und:

...Ich bin fast zusammen gebrochen, als ich den Artikel gelesen habe. Ich hatte keine Ahnung, dass in Redaktionen Leute sitzen, die Texte umschreiben. Jedenfalls hat der CVD damals lauter Worte hinein redigiert, von denen er annahm, dass sie zum Sprachschatz eines LKW-Fahrers gehören. Ich bin dann z.B. nicht ins "Führerhaus“ geklettert sondern "auf den Bock“. Und ich habe keinen LKW gefahren sondern einen "Brummi“. Lauter Worte halt, die kein Fernfahrer in den Mund nimmt und für die ich mich so geschämt habe, dass ich zum Hörer gegriffen habe, um herauszufinden, wer dafür verantwortlich war. Ich wurde also zum CVD durchgestellt und habe ihm lauter Sachen gesagt, die man nicht sagen sollte als kleiner Schreiber, der gerade seine erste Geschichte abgeliefert hat.

Und das war richtig so, findet Christoph Scheuring, bis heute.

Ich würde trotzdem jedem Anfänger raten, sich nicht alles gefallen zu lassen. Du musst deinen Stil entwickeln, du musst um deinen Stil kämpfen. Nur so kannst du unterscheidbar werden. Aber der Grad ist schmal zwischen einer Leidenschaft für die Sprache und Renitenz. Zwischen einem individuellen Stil und purer Selbstüberschätzung.


Ein Gespräch mit dem zweifachen Kisch-Preis-Träger Christoph Scheuring — über Gott und das Lastwagenfahren, seinen Rauswurf beim "stern“ und sein Intermezzo bei "Bild“, und warum Füllwörter keineswegs überflüssig sind

RF: Lieber Christoph Scheuring, ehe Sie Reporter wurden, haben Sie katholische Theologie studiert und waren Lastwagenfahrer. Das ist nicht der direkteste Weg in den Journalismus.

Scheuring:
Na ja, ein guter Reporter fährt durch die Welt und versucht die Menschheit zu einem gerechteren und solidarischerem Leben zu bekehren. Insofern ist der Journalismus die Synthese meiner beiden vorherigen Lebensentwürfe.

RF:
Sie wollten wirklich ernsthaft Priester werden?

Scheuring: Ich war begeistert von der Befreiungstheologie Südamerikas, ich fand das Modell des Zusammenlebens der Brüder von Taizé faszinierend, die Wirklichkeit eines deutschen Priesterseminars war es dann nicht mehr.

RF:
Können Sie uns erzählen warum?

Scheuring:
  In den konservativ geprägten, provinziellen Gegenden Deutschlands war es damals noch so, dass ein Mann kein vollwertiges Mitglied der ländlichen Gemeinschaft sein konnte, wenn er nicht wenigstens verheiratet war und eine Familie hatte. Es sei denn, er war der Priester des Ortes. Im Priesterseminar versammelten sich deshalb viele, die aus dem einen oder anderen Grund diesem Wertekatalog nicht entsprechen konnten: Viele Homosexuelle zum Beispiel. Diese Menschen kamen dann in eine Umgebung, in der ihre Sexualität nicht nur nicht akzeptiert wurde, sondern als Sünde galt. Ich habe nie zuvor und nie wieder so viele gebrochene Menschen gesehen. Nicht dass wir uns hier falsch verstehen: Es waren viele wunderbare Menschen darunter, aber eben auch viele, die an der katholischen Moral gescheitert sind. Für mich lag die Schuld vor allem am Zölibat und der verklemmten Sexualmoral der katholischen Kirche. Diese Einschätzung habe ich so lange und so offensiv vertreten, bis die Leitung des Priesterseminars der Meinung war, ich sollte meinen Weg lieber alleine außerhalb der heiligen Mauern suchen.

RF:
Und dann wurden sie Fernfahrer?

Scheuring:
Dann musste ich irgendwie Geld verdienen und habe für arabische Kunden neue Mercedes-LKWs in den Nahen Osten überführt. Die Autos gingen von Karlsruhe aus bis nach Syrien oder in den Irak. Dann kann der erste Golfkrieg, 1979/80, zwischen dem Irak und dem Iran, und das Geschäft mit den LKWs brach vollständig zusammen. Mir blieb damals nichts anderes übrig, als ein normaler Fernfahrer im normalen europäischen Güterfernverkehr  zu werden. Das bedeutete, ich war eigentlich nie zu Hause. Nach einem Jahr hat meine Freundin gesagt, dass es so nicht mehr weitergeht. Das habe ich eingesehen.

RF: Also habe Sie beschlossen Journalist zu werden und sich an der Henri-Nannen-Schule beworben.

Scheuring:
Ich war damals komplett naiv. Ich hatte bis dahin noch keine einzige Zeile geschrieben, außer einigen Seminararbeiten an der Uni, und trotzdem geglaubt, dass ich die Aufnahmeprüfung sowieso ganz sicher schaffen werde. Also habe ich meine Sachen gepackt und bin mit meiner Freundin von Freiburg nach Hamburg gezogen, noch bevor ich eine Zusage oder sonst irgendetwas hatte.

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Christoph Scheuring


Christoph Scheuring, *1957, absolvierte die Henri-Nannen-Schule und arbeitete danach als Redakteur und Reporter für Stern, Tempo, Spiegel, Spiegel-Special, Bild und Welt am Sonntag. Außerdem schrieb er für Geo, Zeit, Magazin d. Süddeutschen, Playboy, Merian und Max u. a. Heute ist er freier Autor und Geschäftsführer des Redaktionsbüros strich2. Scheuring gewann den Egon-Erwin-Kirschpreis 1990 und 1991 und war 1992 für den Joseph-Roth-Preis Klagenfurt nominiert. 2007 gewann er den Züricher Journalistenpreis.
Website des Autors
Dokumente
Interview mit Christoph Scheuring (pdf)
Christoph Scheuring: Das vierte Gesetz im Knast (via Spiegel)
Christoph Scheuring: Der Parade-Deutsche (via Spiegel)
Christoph Schering: Ein tödliches Fleckchen Unschuld (pdf)

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 28.02.2009

 

Kommentare

Pokey, 25.04.2016, 06:46 Uhr:

The difncrefee between the best word and the almost right word is far more than just a fine line! it’s like the difference between a lightning bug and the lightning!

artherapie gerd+baumhoffs+eigenArt, 28.09.2013, 21:23 Uhr:

..da fällt mir gerade noch was vomStern ein&zwar war ich öfter persönlich beiStern&Spiegel als die noch inDüsseldorfsImmermannstraße waren.Freitags trafen die sich immer imSpiegel-Büro.Dort traf ich malAlfredWelti vomStern&fragte ihn,ob er nicht mal was über mich schreiben wolle,sie würden ja auchKnackis ndChance geben.Da sagte er glatt zu mir,ich solle doch auch in denKnast gehen,dann würden sie was über mich schreiben...oderGerdEngel,Stern-Chef,der sagte,erfände ja gut was ich mache,aber...,er ging später auch zuBild-Düsseldorf.RolfWinter,Ex-Stern-Chefredakteur schrieb mir2005,er hoffe,daß ich mich in derKunstszene durchbeiße!

artherapie gerd+baumhoffs+eigenArt, 28.09.2013, 20:19 Uhr:

...ja,darüberÄrger ich mich auch immer,wenn ich mal"öffentlich rechtliches"Staatsfernsehen gucke.Da berichten die in ihrenPolitmagazinen wie ungerecht alles ist,klagenKorruption,etc.an&"vergessen"ganz wie parasitär die herrschendeKlasse in denFunkhäusern sich garnicht genug durch dieZwangsgebühren desBeitrags"service"..eh,Beitragsraubs bereichern!Besondes beimWDR lassen dieChefs ihrer geldgeilenGier freienLauf&wenn dieKameras aus sind,lachen sich alle vermutlich halbtot wie sieGefühle mal wieder manipuliert haben,nicht war,TomBuhrow,VolkerHerles,JörgSchönborn?!...Ps.DieserStempel zeigt meinStern-Erlebnis:AktionskünstlerGerdBaumhoff.Ab19.2.1981trinke ich1Woche lang imSternMagazin öffentlichJägermeister(tja,Probleme kann man nicht mit der selbenDenkungsweise lösen wie sie entstanden sind;A.Einstein).

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