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Ach, die großen Erzähler! Die Abenteurer!! Wie sinnlich. Doch ich fürchte, die Reportage des 21. Jahrhunderts kann nicht mehr zum bloßen Sehen, Hören, Riechen und Schmecken zurückkehren. Selbst der Raser Kisch saß einen Großteil seiner Recherchezeit in Prager Archiven. Spannung durch Reflexion erzeugen: eine schweißtreibende Angelegenheit. Und nicht immer möglich.
Martin Trepel, Neuroanatomie
Um Gottes Willen, Lehrbücher lesen!? Ist Journalismus nicht die Möglichkeit, genau das zu vermeiden? "Das Nervensystem ist in vieler Hinsicht das komplizierteste funktionelle System des Körpers.“ Mit einem derartigen Erdbeben beginnt Trepels Neuroanatomie und steigert sich dann fürchterlich langsam. Wer zu alt ist für "Lieblingsbücher“, aber noch immer neugierig genug, dem bietet "das gute Fachbuch“ vollwertigen Ersatz. Und Fachbuch heißt vor allem: lernen. Schließlich können Wissenschaftsreportagen über Neuroendokrinoimmunologie oder Craniosakraltherapien ohne einen Rückfall ins Studentenleben ("Mikrobiologie in drei Wochen“) nicht gelingen. Zwei Hürden muss man überwinden: Lehrbücher aus der Staatsbibliothek sind fast immer zerlesen, speckig oder ausgeliehen. Also kaufen. Aber unter 59 Euro kriegt man so gut wie nichts. Und das Lesen macht keinen Spaß. Am Anfang versteht man, wenn’s gut geht, jeden fünften Satz — und den auch nur halb. Spannend wird’s erst, wenn man richtig büffelt. Wenn sich Zusammenhänge erschließen. Etwa die Rolle des Hippocampus bei der Verfestigung von Gedächtnisinhalten. Für Debatten über den freien Willen äußerst empfehlenswert.
Carl von Ossietzky, Sämtliche Schriften
Beim Lesen sehe ich ihn immer vor mir: den kleinen Mann mit der spitzen Nase und dem spitzen Kinn, vor der Bretterwand eines Konzentrationslagers stehend, die Häftlingsnummer auf der dicken Jacke. Vor ihm, viel größer und die Faust in die Hüfte gestemmt, ein Nazi, der die Situation genießt. Was hatte der kleine Ossietzky all die Jahre vom Leder gezogen gegen die Knallchargen der Weimarer Republik! Die NSDAP hielt er noch Ende 1931 für komplett unfähig. Er hat wohl um zu viele Ecken gedacht. Im Mai 1932 (!) muss er für 18 Monate ins Gefängnis, "wegen Landesverrats und Verrats militärischer Geheimnisse“. Kurz vorher legt er in der "Weltbühne“ persönliche Rechenschaft ab. Es ist sein Testament. "Der politische Journalismus“, schreibt Ossietzky, "ist keine Lebensversicherung: das Risiko erst gibt seinen besten Antrieb.“ Dann wird er ein wenig sarkastisch, um nicht allzu pathetisch zu werden: "Ich danke allen guten Menschen, die mich für die Zeit meiner Gefangenschaft mit Schokolade versorgen wollen. Da mir nicht viel an Süßigkeiten liegt, bitte ich, sie gütigst an den Vierten Strafsenat richten zu wollen... Hungrige Richter sind gefährlich.“
(Den kompletten Text zum Download finden Sie in der rechten Spalte)
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