|
Für diesen Text erhielt Sabine Rückert den Henri-Nannen-Preis 2008 in der Kategorie "Beste Reportage".
Sabine Rückert
An einem Samstagabend im Januar klingelte der 17-jährige Felix D. mit einem Freund an einer Haustür in seinem Heimatdorf. Dann töteten sie mit unfassbarer Brutalität das dort lebende Ehepaar. Ein Versuch, diese Tragödie zu verstehen
So kann man sich den Einschlag eines alles vernichtenden Meteoriten auf der Erdoberfläche vorstellen: Man steht friedlich auf seiner Terrasse, die Sonne scheint, man raucht eine Zigarette und weiß beim Anstecken noch nicht, dass es die letzte sein wird. Kein Grollen, kein Beben, kein Vorbote des Untergangs. Und dann, aus dem Nichts, fängt der Himmel Feuer, der Boden unter den Füßen bricht ein, und ein Sturm der Verwüstung fegt alles hinweg, was war – noch ehe das Gehirn begriffen hat.
Am Morgen eines milden Wintertags, des 14. Januar 2007, tritt Karl-Heinz D., damals Vorsitzender des Betriebsrats der ZEIT und bei der Innenverwaltung des Verlags beschäftigt, vor die Tür seines Hauses im Dorf Tessin, um eine Zigarette zu rauchen. Es ist Sonntag, am Abend zuvor war er mit seiner Frau im Kino gewesen. Jetzt trinkt sie in der Küche Kaffee, die beiden Kinder, die 15-jährige Jana und den 17-jährigen Felix, hat D. noch nicht gesehen, sie schlafen wohl noch. Der Mann braucht keine Jacke, die Sonne füllt die Terrasse mit milchigem Licht. Da tritt der Nachbar an den Zaun; „Schon gehört“, fragt er herüber, „gestern Abend sollen in der Dorfstraße zwei umgebracht worden sein.“ – „Ich schau mal vorbei“, gibt D. zurück, löscht seine Zigarette und nimmt für die paar Hundert Meter das Auto. „Tatortneugier“ habe ihn hingezogen, sagt er heute, eine Vorahnung hatte er nicht.
Den Menschenauflauf beim Haus Nummer 22 hat D. gleich gesehen. Die Polizei hatte den Tatort abgesperrt. Alle Gesichter wenden sich ihm, dem Neuankömmling, wortlos zu, als er aus dem Wagen steigt. D. wundert sich. Warum starren die ihn so an? So unsicher? So fremd? Er kennt sie doch alle. Gehemmt kehren sie sich wieder ab. Niemand spricht ihn an, als er durch die Umstehenden schreitet. Niemand gibt ihm eine Antwort, wenn er fragt. D. wendet sich an einen Kriminalbeamten: Was passiert ist, will er wissen. Die Auskunft fällt knapp aus: Das Ehepaar E. sei heute Nacht von zwei 17-Jährigen erstochen worden. „Wenn Sie mehr erfahren wollen, wenden Sie sich an die Staatsanwaltschaft Schwerin.“
Zwei 17-Jährige? Eine dünne, böse Angst zieht sich zu um D.s Kehle. Sein Sohn Felix ist 17. Aber der ist doch zu Hause im Bett.
Oder?
(...)
Zurück |
Kommentar hinzufügen