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Dieser Text ist nominiert als "Beste Reportage" für den Henri-Nannen-Preis 2008.
Seit Jahrzehnten ist Jürgen Leinemann einer der wichtigsten Politik-Berichterstatter des Landes, nah an der Macht, viel unterwegs. Nun ist er schwer an Krebs erkrankt. Plötzlich ist seine Welt ein Krankenzimmer – und das Leben so viel wert. Davon erzählt er hier
Es muss kurz vor dem Wetterbericht der abendlichen Tagesschau gewesen sein, als Oberarzt Dr. W. in mein Zimmer auf der strahlentherapeutischen Station der Berliner Charité stürmt. Ich hatte ihn noch nie gesehen. „Machen Sie mal den Bauch frei“, sagt er, nachdem er sich kurz vorgestellt hat. Er tastet, horcht und greift zum Telefon. Eher beiläufig teilt er mir mit: „Sie müssen operiert werden.“ – „Wann?“, frage ich. – „Jetzt“, sagt er. – „Jetzt? Was heißt das?“ – „Jetzt heißt sofort.“
Dr. W. gibt kurze Anweisungen ins Telefon und beginnt, mein Bett fahrbereit zu machen. Ich folge seinen Tätigkeiten wie im Schock. Fühle mich erleichtert, dass endlich etwas passiert nach den quälenden Schmerzen und den hektischen Untersuchungen der letzten beiden Tage. Und überrumpelt von der Dringlichkeit. Ich müsse noch meine Frau anrufen, sage ich. „Okay.“ Dr. W. nennt ihr kurz die Gründe. Sie sprechen medizinisch miteinander, meine Frau ist Ärztin, wenn auch auf völlig anderem Gebiet. Das Wort „Bauchfellentzündung“ verstehe ich.
Drei Minuten später rumpelt Dr. W. mit mir und meinem Bett über die Gänge zum Fahrstuhl. Er schrammt an den Wänden lang, alles im Laufschritt. Für Augenzeugen muss es wie eine Entführung wirken. Arzt kapert Patienten, würden morgen die Boulevardzeitungen melden, mit Riesenbuchstaben. Er drückt den Knopf für den dritten Stock, OP. Als die silberne Lifttür zugeglitten ist, sehen wir uns zum ersten Mal an. „Und wer operiert mich jetzt?“, will ich wissen. „Ich“, sagt er.
(...)
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