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Es ist Wahnsinn, wie viele, wie auführliche, literarische, verspielte Reportagen jede Woche in polnischen Zeitungen erscheinen. Toller Wahnsinn. 2006 hat Martin Pollack 11 übersetzte Texte aus der Gazeta Wyborcza in dem Sammelband „Von Minsk nach Manhattan. Polnische Reportagen“ zusammengestellt. „Reality“ von Mariusz Szczygieł - in der Presse als „Das Handwerk des Lebens“ erschienen - ist das berühmteste Stück des Buches. Szczygieł erzählt die Geschichte der Hausfrau Janina Turek aus Krakau, die mehr als 50 Jahre lang alle Einzelheiten ihres Alltags protokollierte – was sie aß, welche Sendungen sie im Fernsehen anschaute, welche Menschen sie im Vorbeigehen sah. 728 Hefte fand ihre Tochter nach Janina Tureks Tod.
Klar, es ist leicht zu sagen: Super Material – kann man nichts falsch machen. Aber wie viele Reporterinnen und Reporter hätten wie Mariusz Szczygieł alle 728 Hefte gelesen, bevor sie zu schreiben begonnen hätten? Der Autor vertraut seinem Stoff, nimmt ihn ernst, macht ihn groß. Aber er geht auch über ihn hinaus, denkt leise über das große Thema nach, die Metaphysik des Alltäglichen. Dem Text wohnt die Gefahr inne, in dem Moment seinen Zauber zu verlieren, in dem man glaubt, die Geschichte verstanden zu haben. Mariusz Szczygieł schafft es, sich immer wieder ein paar Geheimnisse für den nächsten Absatz aufzubewahren.
Luise Strothmann
Mariusz Szczygieł
Am
1.10.1996 aß Janina Turek zu Mittag eine Pilzsuppe mit Nudeln,
Gulasch und zum Nachtisch Trauben. 40 Jahre zuvor, am 19.2.1956,
hatte sie ebenfalls ein normales und nahrhaftes Mittagessen zu sich
genommen: heiße Wurst mit Kremser Senf, Brot, Apfelkompott,
Kakaokuchen und Bischofsbrot.
Am
21.3.1973 nahm sie zweimal das Telefon ab, ohne dass sich jemand
meldete. Am 21.6.1976 fand sie auf der Straße neue elastische
Kinderstrümpfe. Am 15.8.1981 trat sie ihrem Sohn Fleischkarten ab.
Am 2.1.1982 brachte ihre Tochter ihr ein paar Äpfel mit. Am
7.12.1983 brachte ihr geschiedener Mann ihr zwei gelesene Zeitungen
mit. Am 3.2.1985 klopfte ein Unbekannter bei ihr, er hatte die
Wohnungstür verwechselt. Am 3.1.1997 aß sie bei einer Freundin
Chips. Am 1.2.1998 schaute sie aus dem Fenster und sah, wie ihre
Nachbarin, Urszula Krzywon, aus dem Taxi stieg.
In
der Alltäglichkeit geschieht ständig etwas. Wir vollbringen
zahllose kleine Handlungen, ohne zu hoffen, dass unser Gedächtnis
diese festhält, vom Gedächtnis anderer ganz zu schweigen. Diese
Handlungen werden jedoch nicht um der Erinnerung willen unternommen,
sondern aus Notwendigkeit. Mit der Zeit geraten alle Bemühungen
unseres täglichen Treibens in Vergessenheit. - Jani- na Turek, eine
Hausfrau, Mutter von drei Kindern, machte über ein halbes
Jahrhundert lang eben das, was alltäglich ist und daher unbeachtet
bleibt, zum Objekt ihrer Beobachtungen. Als Erste erfuhr davon ihre
Tochter. Nach dem Tod der Mutter im Herbst 2000 öffnete Ewa Janeczek
einen Schrank und sah einen Stoß Hefte. (Später stellte sich
heraus, dass es 728 Hefte waren). Es zeigte sich, dass ihre Mama
alles aufgeschrieben hatte, was sie getan hatte. Ununterbrochen, Tag
für Tag, vom Jahr 1943 bis zum Jahr 2000, hatte sie notiert: wie oft
sie zu Hause das Telefon abgenommen und wer angerufen hatte
(38.196-mal); wie oft sie jemanden angerufen hatte (6257-mal); wen
sie wo zufällig getroffen und wem sie "Guten Tag" gesagt
hatte (23.397-mal); wie viele vereinbarte Begegnungen sie gehabt
hatte (1922); wie viele Geschenke sie wem gemacht hatte und welche
(5817); wie viele Geschenke sie erhalten hatte (10.868); wie oft sie
Bridge gespielt hatte (1500-mal); wie oft Domino (19-mal); wie oft
sie im Theater gewesen war (110-mal); wie viele Sendungen sie im
Fernsehen gesehen hatte (70.042); und so weiter.
57
Jahre hindurch notierte und zählte sie alle Feiern, Ausflüge,
Tanzveranstaltungen, gefundenen Gegenstände, Briefe, Lektüren,
Kinogänge, Nächtigungen außer Haus, empfangenen Besuche,
abgestatteten Besuche, Frühstücke, Mittagessen, Abendessen. Anfangs
führte sie ein Heft für alle Bereiche des Lebens, dann bekam jeder
Bereich sein eigenes Heft. Sie notierte sogar die im Fernsehen
gesehene Werbung. Sie vermerkte, ob das Programm schwarzweiß war
oder in Farbe und auf welchem Kanal sie es gesehen hatte.
Das
hätte der Philosophin Jolanta Brach-Czaina gefallen, die die
metaphysische Dimension der Alltäglichkeit beschrieben hat. Die
Grundlage unserer Existenz ist die unbewusste Betriebsamkeit. "Man
kann sich nicht mit der Rolle eines unbewussten Handlangers
existenzieller Tätigkeiten abfinden. Auch aus Selbstschutz muss man
dem Sinn der Alltäglichkeit nachjagen wie ei- nem Verbrecher",
so die Gelehrte in "Ritzen des Seins. Geschichte des privaten
Lebens". - Janina Turek, Bewohnerin von Krakau, lauerte der
Alltäglichkeit auf. Obwohl sie 3517 Bücher las, war keines von
Jolanta Brach-Czaina darunter. Sie beschloss jedoch aus eigenem
Antrieb, intuitiv, ihre Betriebsamkeit zu adeln. Jede noch so banale
Tätigkeit ihres Lebens erhielt im Tagebuch eine eigene Nummer. Die
Tochter begann das alles vor einem halben Jahr zu lesen und hat die
Lektüre bis heute nicht beendet.
Am
13.12.1981 aß Janina Turek ein einfaches Omelett mit Zwieback (Pos.
2124). Sie bekam Besuch von ihrer Tochter mit deren Mann und den
Kindern ("Angekündigte Besuche", Pos. 3605, Heft 237/II).
Sie brachten ihr Holzkisten von Hefeverpackungen und Sperrholz zum
Unterzünden ("Erhaltene Geschenke", Pos. 5184). Als die
Kinder und Enkel gegangen waren, klopfte jemand unerwartet
("Unangemeldete Besuche", Pos. 3606): "Ich weiß
nicht, wer der Besucher war, weil ich die Tür nicht öffnete."
Im Fernsehen sah sie "Wenn uns Polen befiehlt" - ein
Recital von Adam Zwierz (Pos. 11.986). Sie war in der Kirche, wo sie
16 Personen sah ("Im Vorbeigehen gesehene Personen", Pos.
58.213-58.229). Am Abend beendete sie die Lektüre von "Zelda"
von Nancy Mitford (Pos. 2435). Am nächsten Tag begann sie, das Buch
"Das Skalpell ist zweischneidig" zu lesen.
Am
zehnten Jahrestag des Kriegsrechts in Polen, 13.12.1991, aß sie zu
Mittag: "ein Kotelett mit gebratenen Zwiebeln, Selleriesalat und
französischen Kuchen" und trank anschließend "Mineralwasser
aus Krynica mit dem Saft von Orangen und Kiwis - ausländische
Früchte".
Seit
dem Krieg wohnte sie ohne Unterbrechung im selben zweistöckigen Haus
aus dem 19. Jahrhundert in Krakau, in der Parkowa 6. Zuerst mit ihrem
Mann und den Kindern, dann mit ihrem Mann, darauf 30 Jahre lang
allein. Im Parterre hatte sie drei auf die Straße gehende Fenster.
Wenn sie sich hinauslehnte, sah sie links den Rynek Podgórski mit
der Kirche und rechts einen Park. Das war ihr Mikrokosmos. Wichtig
waren die Menschen, die ihr Blickfeld passierten.
"Im
Vorbeigehen gesehene Personen", das waren solche, die sie vom
Sehen her kannte und auf der Straße sah, mit denen sie jedoch nie
ein Wort wechselte. Man darf sie nicht verwechseln mit "Zufällig
getroffenen Personen". Für diese Gruppe qualifizierte sie alle,
mit denen sie ein paar Worte wechselte oder die sie grüßte.
Insgesamt sah sie im Vorbeigehen in der Umgebung ihres Hauses 84.523
bekannte Personen.
7713
- Parkowa - die große, dicke Blondine, die im Lebensmittelladen in
der Limanowskiego gearbeitet hat; 7685 - Parkowa - eine Dame, die ein
wenig aussieht wie ein Frosch; 7756 - Parkowa - Aniela Ryszkowa
(früher irrtümlich als Nowakowa notiert); 17.110 - Parkowa - Ewa
(Ewunia) und Jacek Rodaków mit Töchterchen (früher "Säugling"
genannt); 19.539 - Rynek Podgórski - die Frau des jungen Ehepaares,
das drei Wolfshunde besitzt, mit einem von ihnen; 69.869 - Parkowa -
ein Mädchen, das Grecja Colmenares (argentinische Schauspielerin aus
der Serie "Maria und Manuel") verblüffend ähnlich sieht;
80.825 - Parkowa - Frau Sulichowa mit ihrem Hund Misiek (früher
"Hündchen" genannt).
18.9.1998,
am Morgen saßen in Wysockis Wagen, der auf der Straße geparkt war,
Wysocki mit einer Frau, die nicht die Wysocka war. Janina Turek
wusste viel, doch sie war diskret. Sie gestattete sich keine
freizügige Interpretation der Fakten. Sie deutete nie an, dass
jemand nachts mit seiner Geliebten spazieren ging. Eventuell: "mit
einer Dame, von deren Existenz die Ehefrau vermutlich noch nichts
weiß".
Manchmal
verärgerte sie ihre heranwachsenden Kinder, später die
heranwachsenden Enkel. Sie war nicht aufdringlich, liebte es jedoch,
die Fakten festzustellen. "Wenn Großmutter zu uns kam und eine
neue Person sah, fragte sie sofort nach deren Weggehen, wie sie
hieß", sagt Enkelin Luiza.
Janina
Turek, mit Mädchennamen Gürtler, träumte davon, Pharmazie zu
studieren. Als der Krieg ausbrach, war sie 18 und konnte die Matura
nicht mehr ablegen. Ihre Mutter war Hausfrau, der Vater Beamter im
E-Werk und Zeichenlehrer in einem Kunstgymnasium. Janina kopierte das
Leben ihrer Mutter: Sie war Hausfrau. Allerdings mit Ambitionen - so
absolvierte sie einen Englischkurs für Fortgeschrittene. Czeslaw
Turek war Ingenieur, er baute Straßen und Brücken, bekam
Auszeichnungen. Sie heirateten 1941 und ließen sich 1958 scheiden.
Nach der Scheidung blieb sie mit ihrem Mann befreundet; unter
"Erhaltene Geschenke" notierte sie ein ums andere Mal von
ihm mitgebrachte Zeitschriften. Er starb 1988. Sie hatten drei
Kinder: die Tochter Ewa und zwei Söhne, Leslaw, einen
Maschinensetzer, und Jurek, einen Ingenieur, der sich in Österreich
niederließ.
In
der Parkowa erinnern sich alle an Janina Turek: Sie war freundlich
und ließ sich nicht anmerken, dass ihre Eltern ein Dienstmädchen
gehabt hatten. Sie organisierte Tanzveranstaltungen, Ausflüge und
Bridgeabende. Sie arbeitete als Sekretärin. Sie ließ sich auch
nicht anmerken, dass sie sich nach ihrem Mann sehnte. Ewa sagt, nach
der Trennung vom Vater habe Mama nie mehr einen fremden Mann nach
Hause gebracht.
Im
Jahre 1946 überreichte sie ihrem Mann zum Nikolaus: "1.
amerikanische Zigaretten der Marke ,Chelsea'; 2. Zigaretten ,Baltyk';
3. einen hl. Nikolaus aus Zucker." Als eine Unbekannte ihr bei
einer Zugfahrt eine Mandarine aufwartete, vermerkte Janina die
Mandarine unter "Erhaltene Geschenke". Als Geschenk
bezeichnete sie auch Trinkgeld für den Briefträger oder
Schinkenreste ("Geschenk für den Hund Dzokus"). Die
Genauigkeit, mit der sie die Geschenke notierte, ist jedoch kein
Hinweis darauf, dass Janina Turek einen unerträglichen Charakter
gehabt hätte, wie etwa Thomas Mann. Seine Tagebucheintragungen
verraten die extreme Egozentrik des Autors. Mann notierte den Besuch
beim Zahnarzt, alle "hartnäckigen Obstruktionen",
"Blutschläge im Kopf", Besuche beim Friseur, Trinkgelder
fürs Dienstpersonal, Preise getrunkener Weine. Aus Janinas Notizen
kann man schließen, dass sie gesellig war und die Menschen liebte.
Sie feierte und schenkte gern. Wenn sie in der Fußgängerzone von
Rabka Zdrój eine Portion Schlagobers aß, notierte sie das unter
"Gesellschaftliche Ereignisse". Das Ereignis bekam eine
Nummer und war in der Summe genauso wichtig wie die Fahrt Fidel
Castros durch die Stadt, die sie von einem erhöhten Blumenbeet aus
beobachtet hatte.
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