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Stefan Willeke „Der große Preis

Was ein Bäcker tut, glaubt man zu wissen. Ein Bäcker backt. Und ein Lehrer? Ein Lehrer lehrt. Ganz einfach. Ein Anstreicher streicht an. Ein Dachdecker deckt Dächer. Aber was tut ein Reporter?

Diese Frage stellt sich seit dem 6. Mai, als im Hamburger Schauspielhaus der Henri-Nannen-Preis vergeben wurde, der als höchste Auszeichnung im deutschsprachigen Print-Journalismus gilt. In der Kategorie Reportage, dem Egon-Erwin-Kisch-Preis, wurde der Spiegel - Redakteur René Pfister geehrt, der ein kenntnisreiches Porträt des Politikers Horst Seehofer geschrieben hatte. Eine Schlüsselrolle im Text spielt die Modelleisenbahn in Seehofers Hobbykeller. Als Pfister auf der Bühne des Schauspielhauses erzählte, er sei nicht in Seehofers Keller gewesen, sondern habe die Keller-Passage aus Gesprächen mit Seehofer rekonstruiert, passierte etwas, an das sich Journalisten später als »angespannte Stille« erinnern sollten. Die Ruhe vor dem Sturm. Der brach mit Verzögerung los: Die Jury erkannte den Preis ab, dagegen protestierte der Spiegel , die Bild-Zeitung erklärte den Vorfall zum »peinlichsten Medienskandal des Jahres« und zur »Märklin-Affäre«.

Von Tag zu Tag schwoll die Zahl der Reportage-Fachleute an, die schon immer wussten, was eine Reportage darf und was ihr verboten ist. Ein Reporter muss bei allem, was er beschreibt, persönlich dabei gewesen sein. Ein Porträt ist doch keine Reportage. Über Nacht entwickelte sich eine Expertokratie, die sich in erbitterte Diskussionen stürzte - wie eine Kolonie von Kleingärtnern, die darüber streiten, dass man die hübsche Götterblume keinesfalls verwechseln dürfe mit der gewöhnlichen Grasnelke. Nie war der Kisch-Preis so umstritten wie seit dem Tag, als er dem Preisträger genommen wurde.

Was also tut ein Reporter?

Oft rieten mir Freunde und Kritiker, mich nicht selbst einen Reporter und meine Produkte nicht Reportagen zu nennen, nicht zu betonen, dass meine Stoffe mit wirklichen Ereignissen übereinstimmten. »Lassen Sie doch Daten und Namen weg, und schreiben Sie als Untertitel >Novelle< hin. Dann werden Sie literarisch beurteilt werden, als Mann von Phantasie.« »Von Phantasie!« Bedarf die Gestaltung der Wahrheit keiner Phantasie?

Diese Textpassage stammt von Egon Erwin Kisch (Von der Reportage, ein Kapitel in seinem Buch Marktplatz der Sensationen). Das Buch kam im Jahr 1942 heraus, da war er schon lange ein bekannter Reporter. 1948 starb er. Viel später, 1977, wurde zum ersten Mal der nach ihm benannte Journalistenpreis verliehen, für Spitzenleistungen der Reportage. Gestalten ihre Autoren tatsächlich die Wahrheit, wie Kisch schrieb, und was bedeutet Gestaltung? Ist »Gestalten« ein vornehmes Synonym für Verdrehen, für Erfinden? Ist es das, was Reporter tun: die Wirklichkeit biegen, so lange, bis sie passt?

Vor sechs Jahren wurde mir der Kisch-Preis für ein ZEIT - Dossier verliehen, in dem es um Chinesen ging, die in Dortmund eine Kokerei demontierten, um sie in China neu aufzubauen. Ich hatte dort, über Monate hinweg, viel Zeit verbracht. Oft saß ich neben der Männertoilette der stillgelegten Fabrik und wartete auf einen Chinesen, Herrn Mo, den Bauleiter, der gegenüber der Toilette sein Büro und sein Schlafzimmer hatte. Die Verabredungen mit mir vergaß er oft, also musste ich warten. Ich hätte eine womöglich aufschlussreiche Geschichte schreiben können über die unterschiedlichen Toilettengewohnheiten chinesischer und deutscher Arbeiter. Ich glaube, ich hätte die Nationen am Ende allein an den Geräuschen erkannt. Aber darüber habe ich dann nur einen einzigen Satz verloren - dafür viele Sätze über Mo. Ich wollte seine Geschichte erzählen. Mo war wichtig für mich, die Wirklichkeit bis zu seinem Eintreffen war unwichtig. Ich habe Hunderte Chinesen reduziert auf einen, die Wirklichkeit stark verengt, einen Menschen ausgewählt, die meisten anderen am selben Ort weggelassen - um der Klarheit und der Erkenntnis willen.

Ein Reporter ist nicht dazu da, der Unübersichtlichkeit der Welt gerecht zu werden durch die Verworrenheit eines Textes. Jeder unlesbare Artikel ist ein vergeudeter Versuch. Ein Reporter ist ein Geschichtenerzähler. Er fährt hinaus in eine Welt, die vielen seiner Leser verschlossen bleibt, er entführt seine Leser. Er beobachtet Leben und füllt seinen Text mit Leben. Er soll aufrütteln, erklären, interpretieren. Er liest Schriftstücke, er macht sich sein Bild.

Ein Reporter ist ein Handwerker. Er sammelt Material und verarbeitet es. Manchmal ist er ein Maurer, manchmal ein Kunstschmied. Ganz sicher ist er kein Künstler, der sich über die Realität hinwegsetzen darf. Ganz sicher ist er auch kein Stativ, auf dem eine Panoramakamera ruht. Er muss sich die Wahl des Bildausschnitts schon zutrauen. Die meiste Arbeit, die in dem Handwerk des Reporters steckt, sieht man nicht. Sähe man sie, hätte der Autor etwas falsch gemacht. Einen Elektriker beurteilt man danach, ob das Licht angeht, wenn man auf den Schalter drückt. Das Wissen über die Kabelkanäle, die er in die unverputzten Wände gestemmt hat, kann er für sich behalten. Einen Reporter beurteilt man daran, ob er Licht bringt in eine noch nicht ausgeleuchtete Wirklichkeit.

Aber darf ein Reporter die Quellen seines Wissens beliebig verschweigen? Es sollte im Artikel deutlich werden, woher sein Wissen stammt. Es schadet dem Elektriker nicht, wenn er zu erkennen gibt, wo die Leitungen verlaufen. Ein Elektriker ist kein Illusionist. Er würde sich lächerlich machen, wenn er sich dafür hielte.

Weil die Liebe zu der großen, einmaligen Geschichte unheilbar ist, neigen Reporter dazu, die dekorierende Seite ihres Handwerks zu überschätzen. Es gibt Reportagen, die deswegen Unbehagen und sogar Widerwillen auslösen, weil alles ineinanderpasst. Jeder Zeitungsredakteur, der Reportagen auf den Tisch bekommt, kennt die Momente, in denen er beim Lesen stutzt und sich fragt: Kann das sein, oder steigert sich der Reporter in etwas hinein? Wieso bellt zum Beispiel, kurz bevor der dramatische Höhepunkt der Geschichte erreicht wird, mal wieder in der Ferne ein Hund?

Wo noch die kleinste Beobachtung dem Effekt untergeordnet wird, steigt die Gefahr, dass der Autor seine Leser für dumm verkauft - und letztlich sich selbst. Denn jeder Reporter weiß, dass die ungeschriebene Wirklichkeit voll ist von Widersprüchen, solchen, die man aushalten muss. Texte schleifen kann nicht bedeuten, die Wirklichkeit zu schleifen, bis die letzten Unebenheiten verschwunden sind. Die Grenze vom Kisch-Preis zum Kitschpreis wäre überschritten, wenn die Liebe zur Geschichte umschlagen würde in eine Ästhetik der Glätte. Diese Versuchung begleitet die Reportage wie kein anderes journalistisches Genre. Ein Reporter ist verführbar.

Es ist nicht in Ordnung, so zu tun, als sei man aktuell in Seehofers Keller, wenn man es nicht ist. Doch Seehofer erklärte, der Spiegel - Autor habe keine Unwahrheiten geschrieben. Warum dann die Aufregung? Sie hätte sich nicht hochgeschaukelt, wenn es nicht auch um die Frage ginge, wie echt der Reportagejournalismus noch ist. Warum muss ein Reporter überhaupt etwas rekonstruieren, das er nicht selber erlebt hat? Genügt ihm das Erlebte nicht mehr?

Nein, es genügt ihm manchmal nicht mehr - aus guten Gründen. In einer komplizierter werdenden Welt, die nicht mehr aus politischen Blöcken besteht, einer Welt, in der verheerende Explosionen lautlos verlaufen (wie beim Finanzcrash), einer Welt, in der Krieg mancherorts nicht Krieg heißt und der Frieden keiner ist (wie in Afghanistan), schlagen Reporter eine Schneise in die verästelte, oft widersprüchliche Realität. Das ist eine mühsame Angelegenheit, weil die Reportage darauf aus ist, Einfachheit zu erzeugen, Nachvollziehbarkeit, Bilderreichtum, Lesegenuss. Mühsam ist es auch deshalb, weil der Reporter nicht zugleich in Kabul sein kann und in Washington. Er kann nicht zugleich im Jahr 2008 recherchieren und im Jahr 2011. Er kann nicht ständig dabei sein, wenn etwas Entscheidendes geschieht, aber er muss die Zusammenhänge herstellen: Er muss das Erlebte verweben mit dem Erzählten und dem Aktenwissen. Den Unterschied sollte der Reporter kenntlich machen. Nähte muss er ziehen, und wenn er es überzeugend macht, spüren die Leser von den Nahtstellen das, was sie spüren sollen: fast nichts. Die aufwendige Spiegel- Recherche über die Kundus-Affäre, die mit einem der Henri-Nannen-Preise 2011 ausgezeichnet wurde, ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür. Diese Recherche galt als »Dokumentation«, nicht als Reportage. War sie wirklich keine?

Warum sollte die Reportage immer bleiben, wie sie war?

Warum soll die Reportage reinrassig bleiben in einer Welt, in der sich immer mehr miteinander vermengt? Die klügsten Hunde sind nicht die mit dem einwandfreien Stammbaum, sondern solche, die man Mischlinge nennt. Warum will man die Reportage daran hindern, sich weiterzuentwickeln, indem man sie auf die Ausschließlichkeit des selbst Erlebten festlegt? Weil das früher auch so war? Natürlich war Franz Beckenbauer einst ein großartiger Fußballspieler, aber wenn man sich heute seine besten Momente noch einmal auf dem Bildschirm anschaut, dann fragt man sich, ob eigentlich pausenlos die Zeitlupe läuft oder ob der Videorekorder hakt.

Reporter tun sich und ihren Lesern keinen Gefallen, wenn sie ihre Arbeit an den acht Sparten des Henri-Nannen-Preises messen. Reporter sind angewiesen auf ihren Instinkt und ihre Unabhängigkeit. Das bedeutet auch: Unabhängigkeit von den Kategorien der anderen. Es gibt Reportagen, in die Interviewpassagen eingebaut wurden, nicht nur aus edlen dokumentarischen Gründen, sondern auch, weil sich der Text dann interessanter liest. Es gibt Porträts, die so aufwendig recherchiert sind und den Lebensweg eines Menschen so genau nachzeichnen, dass sie Reportagen sind. Es gibt Reportagen mit kommentierenden Sätzen. Es gibt Reportagen, die zum Großteil aus Rückblicken auf Ereignisse bestehen, die der Reporter nicht selbst erlebt hat und die der Leser benötigt, um die Tiefe des Themas zu erkennen. Würde man alle Kisch-Preisträger in einem Raum versammeln, dann wäre der Raum voll. Würde man anschließend jeden vor die Tür schicken, der in seiner Siegerreportage etwas nicht selbst Erlebtes verwendet hat, dann wäre der Raum leer.

Und jetzt? Eine Jury hat entschieden, einem Autor den Preis abzusprechen. Und die Lehre daraus? Bloß keine Ethikkommission. Es sind noch nie so viele gute Reportagen in deutschen Zeitungen und Magazinen erschienen wie heute. Die besten dieser Texte erzeugen einen Sog, zu dem kein anderes Genre in dieser Weise fähig ist: den Sog des Lesens. Das ist eine fantastische Nachricht in Zeiten des Zwitscherns und Simsens. Was also darf die Reportage? Sie darf, solange sie ihr Handwerk ernst nimmt: alles.

Die besten Reporter sind nicht unbedingt die mit den schnellsten Beinen, nicht unbedingt die mit der präzisesten Beobachtung, sondern jene, die aus einer präzisen Beobachtung einen weiterführenden Gedanken formen. Es gibt eine Schönheit, die ohne den heißen Atem des gehetzten Berichterstatters auskommt, eine überraschende Schönheit, die in der Sprache ihren Ausdruck findet und ihren Ursprung in der Abweichung vom Trampelpfad. Ein Reporter zieht los, um etwas Neues zu entdecken. Warum sollte die Reportage bleiben, wie sie war?

In dem Film Aus der Mitte entspringt ein Fluss, der auf einem amerikanischen Roman beruht, gibt es eine Szene mit einem fischenden Reporter in Montana. Der Vater des Reporters brachte dem Jungen einst mithilfe eines Metronoms bei, dass man die Angelrute in einem Viertaktrhythmus auszuwerfen habe, stets mit kontrollierten Armbewegungen und parallel zur Oberfläche des Wassers. Der Junge gehorchte, er fing seine Fische. Aber als er erwachsen wird und sein Leben Kapriolen schlägt, tut er etwas, das den Vater zutiefst irritiert: Der Junge nennt es »Schattenwurf«. Er schleudert die Schnur in wilden Schwüngen quer übers Wasser, bis in den Schatten der Bäume, scheinbar unkontrolliert.

Und er fängt den Fisch seines Lebens.

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Stefan Willeke


Stefan Willeke hat Geschichte und Politik studiert. Seit 1996 arbeitet er bei der Wochenzeitung Die Zeit in Hamburg. Er hat zwei Mal den Kisch-Preis und einmal den Nannen-Preis gewonnen.
Dokumente
Der große Preis (PDF)

erschienen in:
Die ZEIT,
am 19.05.2011

 

Kommentare

Latesha, 25.04.2016, 09:33 Uhr:

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Tike, 23.01.2014, 06:38 Uhr:

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Silke Burmester, 20.05.2011, 22:31 Uhr:

Es ist auffallend, dass gerade diejenigen, die für die hohe Kunst der Reportage stehen, diejenigen, die sich in diesem Beruf keine Sorgen um ihren Ruf und ihr Geld machen müssen, diejenigen sind, die gegen die Aberkennung des Preises sind. Und dass diejenigen, die täglich kämpfen müssen, für die Wahrnehmung ihrer Person, für ihre Texte, für ein Honorar, das ein Überleben sichert, deutlich größere Probleme mit dem Konstrukt haben, dass der Preis jemandem zuerkannt wird, der die "reine Lehre" nicht erfüllt. Wie ist es zu erklaren, dass die Herren der großen Häuser, der Häuser, die die Jurymitglieder stellen, so bereit sind, die Regeln aufzuweichen? Wo ist sie, die "reine Lehre", die ihre Blätter sich herausnehmen, zu vertreten?

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